„“ Hannes Norberg / Peter Roehr

Freitag,  01.12. 2017, von 19 - 22 Uhr
 


Hannes Norberg (geb.1969) studierte an der Kunstakademie Düsseldorf bei Gerhard Merz und lebt und arbeitet in Düsseldorf.

Für diese Ausstellung hat Norberg Werke des Frankfurter Künstlers Peter Roehr ausgewählt, der sich seit seiner Jugend für den Frankfurter Künstler interessiert.
Peter Roehr (1944-1968) starb im Alter von 23 Jahren und hinterließ mehr als 600 Kunstwerke.

 

Die Arbeiten

Eine Selektion von Peter Roehr's Filmontagen (6 min, 20 sek),

Buchstaben (2 Minuten), Hannes Norberg, 2017,

Myeong-dong I+II (HD Video, Stereo Sound, 4:01min) Hannes Norberg, 2017.

Serialität und Sequentialität

 

Hannes Norberg und Peter Roehr in der Reihe „ “ des STUDIOSPACE in der Lange Straße 31

von Angelica Horn

 

 

Hannes Norberg unternimmt es in seiner Installation in der von Carolin Kropff kuratierten Reihe von Einabendausstellungen im Vorraum des Gemeinschaftsateliers in der Frankfurter Lange Straße Werke eines anderen Künstlers in ein eigenes Werk zu integrieren und auf diese Weise in einen Dialog mit diesen zu treten. Dabei bedient er sich des künstlerischen Verfahrens der Montage, das auch dieser andere Künstler, Peter Roehr (1944-1968), wenn auch in einer ganz anderen Art und Weise, für sich in seinem Werk entwickelt hatte.

 

Der in den kleinen Raum eintretende Betrachter sieht einen kleinen Monitor, der auf einer Art schwarzfarbigem, ornamentalem Wandbild montiert ist, und auf dem Videos laufen. Er hört die damit verbundenen Tonsequenzen. Das Wandbild, deutlich mit einem breiten weißen Rahmen, der um die Gestaltung herum stehengelassen ist, als ein solches markiert, hat aufgrund seiner ornamentalen Struktur die Wirkung einer Tapete, also eines Grundes, der die auf ihm befestigten oder von ihm umgebenen Gegenstände ebensosehr umfängt wie untermalt. Die Tapete, eigens für diesen Abend in einem Offset-Verfahren gedruckt, beruht auf einem floralen koreanischen Muster, wie es Hannes Norberg auch in zwei Büchern verwendet hat, die in seinen Videos auftauchen. Hier nun ist es in einer unregelmäßigen Reihenfolge tapeziert – auch das eine Montage.

 

Der Monitor zeigt drei Videos von Hannes Norberg und fünf Filmmontagen von Peter Roehr in einem Loop von 11:12 min. Die Videos von Hannes Norberg zeigen jeweils eine in sich abgeschlossene Handlung: das Umblättern eines Buches. In der zweiteiligen Videoarbeit „Myeong-dong“ ist es das Umblättern eines Buches mit dem floralen Muster, das in gleichmäßigen Schritten vergrößert bzw. verkleinert wurde; die Videoarbeit „Buchstaben“ zeigt Seiten mit dem Alphabet und Ziffern, auch weiterer Zeichen in verschiedener Typografie. Die Kamera steht still, der Blick ist ganz auf die Handlung und das Buch konzentiert. Die auf Video gebrachten Filme von Peter Roehr präsentieren jeweils hintereinandergeschaltete, repetierte Filmausschnitte mit eindringlicher Bewegung des jeweiligen Gefilmten oder der Filmkamera. Hier im Loop aneinandergereiht: „Turn 10x“, „Haaretrocknen 13x“, „P.C.V. 12x“, „Wolkenkratzer 12x“, „Gulf II 9x“.

 

Peter Roehr ist vor allem mit seinen Fotomontagen bekannt und berühmt geworden, in denen er industriell vorgefertigtes Material, wie Streichholzschachteln, Bilder aus Werbedrucken, etc., in identischem Aussehen und identischer Größe zu einem Feld, einem ganzen Bild, zusammenmontiert hat. Das Prinzip der Reihung in Horizontale und Vertikale bedeutet faktisch die Wiederholung des Gleichen in der Serialität; in der Wahrnehmung aber, sofern sich der Betrachter sich dieser zu öffnen vermag, setzt es eine eigene Bewegung und Bewegungsform frei und stellt diese dar. Es ist nicht egal, ob sich das gleiche Bildchen links unten oder in der Mitte der von solchen Bildchen montierten Fläche befindet. Die Wiederholung des Gleichen ist keine Gleichmacherei. Mehr als die Inhaltlichkeit des einzelnen kleinen Bildes zählt die Bewegungsform, die mit diesem gegeben und gesetzt ist. Die Kunst besteht darin, Inhaltlichkeit und allgemeine Struktur derart in ein Gleichgewicht zu versetzen, das die ästhetische Wirkung einer Art Überwältigung des Betrachters erzielt wird – mit den Öffnungen der Reflexion hin zur gesellschaftlichen Realität und Alltäglichkeit.

 

Dieser in sich minimalistisch und konzeptionell verfaßten, radikalen Serialität hat sich Peter Roehr auch in seinen Filmmontagen aus dem Jahre 1965 bedient. Ausgangsmaterial waren etwa amerikanische Werbespots, aus denen eine bestimmte Sequenz herausgelöst und in einer bestimmten Anzahl von Wiederholungen mit dem jeweiligen Tonmaterial aneinandergereiht wurde. „Turn 10x“ etwa „zeigt“ die Fahrt auf einer Brücke, bzw. der Betrachter sieht die auf ihn zukommende Brückenarchitektur und den auf ihn zueilenden und gewissermaßen unter ihm verschwindenden Fahrgrund sowie die Schrift TURN WASTE GASOLINE INTO EXTRA MILEAGE, die von rechts unten auftauchend in die Bildmitte rückt, das Ganze unterlegt mit einer eindringlichen Audiospur. „Haaretrocknen 13x“ zeigt in Nahaufnahme das Gesicht einer sich ebenso intensiv wie hingebungsvoll die Haare trocknenden Frau, unterlegt mit dem Sound einer Shampoo-Werbung. Die Filmsequenzen sind so gewählt, das Filmmaterial jeweils so unterbrochen, daß die gezeigte Handlung oder Bewegung nicht in sich einen sinnvollen Abschluß findet, sondern abgebrochen wird. Der Betrachter wird nicht zum Zuschauer eines Filmes, sondern bleibt Betrachter eines bildkünstlerischen Werkes bzw. wird als ein solcher konstituiert. Die Wiederholung der ausgewählten Filmsequenz ermöglicht dem Betrachter, sich dieser hinzugeben oder zu beobachten, sich anzustrengen, Einzelheiten oder die Struktur des Verlaufes zu beobachten. Bevor die Hingabe erfüllt oder die Beobachtung abgeschlossen sein könnte, ist die Anzahl der Wiederholungen vorbei. Es bleibt ein Anspannungs- und Spannungsverhältnis im Betrachter zurück, das nun nicht auf das angepriesene Produkt, sondern auf das Werk und die Kunst selbst bezogen ist bzw. auf das Selbstverhältnis der betrachtenden Person.

 

Ist bei Peter Roehr das künstlerische Montage-Prinzip das einer radikalen Reihung – eine Setzung folgt der identischen nächsten Setzung, die dann natürlich nicht identisch ist – folgt Hannes Norberg einem integrativen Montage-Prinzip, in dem und durch das etwas „Anderes“ oder „Fremdes“ zum Teil und/oder auch Gegenstand eines Ganzen wird, ohne daß dessen Andersheit oder Fremdheit dadurch aufgehoben würde – im Gegenteil wird es dadurch als ein solches bewußt. In seinen Fotoarbeiten ist zum Beispiel eine große einförmig strukturierte und einfarbig gehaltene Fläche in einem Raum gestellt, der dann mitsamt der Fläche fotografiert ist. Es wird die Verschiedenheit und Unterschiedlichkeit der Realitätsebenen kenntlich gemacht, wobei eine große Ruhe herrscht. Auch hier wird der Betrachter als Bild-Betrachter „konstituiert“ bzw. kann sich als ein solcher selbst begreifen, nach der Realität und Struktur des gesehenen Bildes fragen. Es geht um die Frage, wie wir denn etwas wahrnehmen, und was Wahrnehmung denn sei.

 

Ist der expressive Gehalt in Roehrs Filmmontagen eher laut und aggressiv, so der in Norbergs Filmen ruhig, meditativ oder heiter. Das Bild des Videos „Myeong-dong I + II“ (2017) zeigt ein aufgeschlagenes Buch, gehalten von zwei Händen, links ist nur der Daumen, rechts etwas mehr von der Hand zu sehen, die aufgeschlagenen Buchseiten zeigen jeweils das florale Muster. Im Hintergrund ist eine Stadtlandschaft zu sehen, Gebäudearchitektur, die unten zu verorten ist, und links unten auf dem Bild sich bewegende ganz kleine Menschen, sich bewegende Menschenansammlung aus dieser Perspektive. Der Betrachter, der dem Umblättern folgt, hat auch hier die Freiheit polarer Entscheidungsmöglichkeiten, er kann sich dem Umblättern und der Betrachtung des Musters überlassen oder dessen Struktur und Strukturveränderung beobachten oder beobachten wollen. Hinzu tritt das umgebende „Arrangement“, das auch Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist es das leise Gewimmel unten auf der Straße oder die Architektur in ihrer Eigenart. Das Meditative der vollzogenen Handlung des stetigen Umblätterns hält das Befremdliche des Fremden eher fern. „Die einfach gehaltene Standbildgestaltung des Videos und der regelmäßige Rhythmus beim Durchblättern des Buches findet eine Entsprechung im parallel laufenden Sound, der sich eng mit den Bildern verzahnt: vier hölzern anmutende dumpfe Schläge läuten das jeweilige Umblättern ein, gefolgt von einem metallischen Beckenschlag. Darauf deuten zwei mit einer Violine Pizzicato eingespielte Töne eine einfache Melodie an im Wechsel von Dur und Moll.“ (Hannes Norberg 2021 in einer E-Mail). Solche Arbeit an Entsprechung und Entsprechungsverhältnissen sinnlicher und strukturaler Notwendigkeit erzielt eine Integration und Integrativität, wie sie z.B. auch Ergebnis einer meditativen Übung sein kann. Der Betrachter ist hier auf eine solche Weise auf sich selbst gerichtet.

 

Das Video „Buchstaben“ ist mit dem Sound des „Reflection Rag“ von Scott Joplin verbunden, einem heiter-beschwingenden Stück, dem die Gestalt der einzelnen Buchstaben, Ziffern, Zeichen in ihrer je einzelnen Verfügbarkeit und ihrem Einzeln-Sein und ihrem Zusammentreten in der Reihung eines typographischen Alphabets und des Arrangements von Zeichen auf einer Seite entsprechen mag. Auch hier sehen wir die Handlung des Umblätterns eines Buches, die Seiten sind mit verschiedenen Typografien versehen, vom Körper und der Gestalt des Umblätternden ist diesmal etwas mehr zu sehen. Im Hintergrund, der diesmal eher oben ist, sehen wir einen Boden, der wohl ein Atelierboden ist, und sehen vier Plakate, die ebenfalls mit Typografien versehen sind. Auch hier gilt das einzelne Standbild als Bild und hat als solches Gültigkeit; es entfaltet sich gleichsam in der zeitlichen Erstreckung und Ausgestaltung.

 

Die Zusammenstellung von Filmmontagen Peter Roehrs und Hannes Norberg läßt eine Reihe von Gemeinsamkeiten erkennen, bei aller bestehenden Ungleichheit und Verschiedenheit. Wir haben es mit Beschleunigung und Entschleunigung zu tun, mit Zuspitzung und Integration, mit Abbruch und Kontiniutät, mit Eindringlichkeit und Meditation. Wir haben es mit dem Umgang mit Zeit und Zeitlichkeit zu tun, mit dem menschlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten der Strukturieren und Rhythmisierung von Zeit. Zeit ist dem Bild niemals äußerlich, Simultanität und Sukzessivität niemals rein zu isolieren. Im inneren Dialog dieser Einabendausstellung wird letztlich die Logik von Polarität und Entsprechung deutlich, wie sie das Menschliche (und die Natur) überhaupt bestimmt.
 

Angelica Horn

© Frankfurt am Main 2021

Fotos: Hannes Norberg

           Carolin Kropff

Die Ausstellung wurde durch die Unterstützung des Kulturamtes Frankfurt und Nachlass Peter Roehr ermöglicht.


 

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