„“  HASSAN SHARIF & CAROLIN KROPFF

Am Samstag, den 21 August 2021, präsentierte der STUDIOSPACE Lange Straße 31 Arbeiten der Künstler Hassan Sharif und Carolin Kropff. Die Kurzzeitausstellung zeigte eine Hommage von Carolin Kropff an ihren Freund und Mentor Hassan Sharif. Beide Künstler verbindet das Interesse an Hand-Arbeit, Wiederholung, Inklusivität und dem Weitergeben von Wissen.

Die Ausstellung wird begleitet mit Texten von Cristiana de Marchi (Dubai, Beirut) und Angelica Horn (Frankfurt am Main)

 

Besonderer Dank gebührt Abdulraheem Sharif, ohne dessen Unterstützung die Ausstellung nicht möglich gewesen wäre!

“Positioned at the junction of improvisation and mastery, both artists grant themselves the freedom to evade technical perfection in favour of a process that is time-consuming and intimate as it develops, continuously readdressing decision-making in consciously playful ways.  A true celebration of process, in its endless repetition without ever repeating”.

"An der Schnittstelle zwischen Improvisation und Meisterschaft angesiedelt, gewähren sich die beiden Künstler die Freiheit, sich der technischen Perfektion zu entziehen zugunsten eines zeitaufwändigen und intimen Entwicklungsprozesses, der Entscheidungen auf bewusst spielerische Weise immer wieder neu trifft.
Eine wahre Feier des Prozesses in seiner endlosen Wiederholung, ohne sich jemals zu wiederholen.

Cristiana de Marchi: Finding Freedom in Repetition. Carolin Kropff and Hassan Sharif in the exhibition series „“

 

“I resorted to the idea of ‘redundant repetition’ in producing art. I would continuously engage myself in boring, recurring and endless activities, a feature that would become a signature of my artwork since 1982, its underlying purpose”. (Hassan Sharif)

"Ich griff auf die Idee der 'redundanten Wiederholung' zurück, um Kunst zu produzieren. Ich beschäftigte mich ständig mit langweiligen, sich wiederholenden und endlosen Aktivitäten, ein Merkmal, das seit 1982 zu einem Merkmal meiner Kunst wurde, zu ihrem eigentlichen Zweck". (Hassan Sharif)
Zitat von Hassan Sharif, in Catherine David, "Die Kunst des Webens", in Catherine David (Hrsg.), Hassan Sharif. Werke 1973-2011, Hatje Kantz, 2011, S. 12-17, 16

"Meine kreative Praxis bewegt sich zwischen den Bereichen Kunst und Handwerk. Sie spiegelt meine Überlegungen über die Überschneidung von Herstellung und Kontemplation in Bezug auf unsere Lebenserfahrungen wider. Bildgestaltung und Geschichtenerzählen auf der einen Seite, und die Erforschung von Prozessen, Materialien, traditionellen und improvisierten Herstellungsmethoden auf der anderen Seite, stehen im Mittelpunkt. Im Laufe der Zeit hat der Aspekt der Vertrautheit, der Gemeinschaft und der Zugänglichkeit immer mehr an Bedeutung gewonnen. Deshalb öffne ich mein Atelier, um alle, die interessiert sind, zum Mit-Machen, zur Teilhabe, einzuladen". (Carolin Kropff)

 

Hassan Sharif (geb. 1951- gest. 2016, Dubai, Vereinigte Arabische Emirate) lebte und arbeitete in Dubai. Er gilt als Pionier der Konzeptkunst und experimentellen Praxis im Nahen Osten. Seine Werke sind in vielen internationalen Museen und Sammlungen vertreten, u.a. im Guggenheim New York und Abu Dhabi, Centre Pompidou, Tate Modern, dem Mathaf Arab Museum of Modern Art und der Sharjah Art Foundation.

Sharif entwickelte Semi-Systeme, die ursprünglich vom britischen Konstruktivismus und insbesondere von Kenneth Martins Begriff von "Chance and Order" geprägt waren.

In den 1980er Jahren begann er mit dem einfachen Verbinden von gefundenen oder gekauften Industriematerialien oder Massenprodukten mit Seilen, Bindfäden und Drähten. Das Schaffen dieser Objekte war auf einfacher Handarbeit gegründet, wie dem Weben, eine Tätigkeit, die jede*r machen kann und minimalen Aufwand beansprucht. In seinen eigenen Worten aus 1980:
“Creating these works requires very simple handicraft that is at once repetitive and non-repetitive. I stay away from complicated technology and I have no secrets, so this is actually something that anyone can do. Hence I chose the tag ‘Weaving’ which requires neither strenuous physical activity nor unique skill. All that is required is a pair of hands and minimal effort."

„ Die Schaffung dieser Werke erfordert sehr einfaches Handwerk, das gleichzeitig repetitiv und nicht repetitiv ist. Ich halte mich von komplizierter Technik fern und habe keine Geheimnisse, daher ist dies eigentlich etwas, das jeder tun kann. Daher habe ich den Tag 'Weben' gewählt, das weder anstrengende körperliche Aktivität noch einzigartige Fähigkeiten beansprucht. Alles, was benötigt wird, ist ein Paar Hände und ein minimaler Aufwand. “

Seit den späten 1970er Jahren arbeitete er auch als Kulturvermittler und bewegte sich zwischen den Rollen des Künstlers, Pädagogen, Kritikers, Aktivisten und Mentors für zeitgenössische Künstler*innen in den V.A.E.

Carolin Kropff (geboren 1966 im Sauerland) hat an der Kunstakademie Düsseldorf (1991-1995) studiert und der Städelschule Frankfurt (1996 -1998) ihr Studium abgeschlossen. Von 1989-1991 arbeitete sie als Kostümbildassistentin und Herrenschneiderin am Theater Dortmund. Von 1999 - 2002 unterhielt sie Ateliers in Madrid, Spanien und 2006 - 2011 in Dubai, VAE. 2020 hat sie den STUDIOSPACE Lange Straße 31 in Frankfurt am Main gegründet. Die Projektarbeit wird vom Kulturamt Frankfurt und dem Frauenreferat Frankfurt unterstützt.

In ihrer künstlerischen Arbeit untersucht sie die Relevanz kultureller und gemeinschaftlicher Erfindungen wie Archetypen, Mythen und traditionelle handwerkliche Herstellungsmethoden. Ihr Interesse liegt darin, die Gemeinsamkeiten zwischen der Erfindung und Schaffung von Bildern und dem Erzählen von Geschichten zu erforschen und den ihnen innewohnenden Möglichkeiten der Kommunikation, Zusammenarbeit und Zugehörigkeit zueinander und zur Zeit Ausdruck zu verleihen. Zu diesem Zweck bedient sie sich zunehmend der Volkskunst und partizipativer Kunstformen.

Sie lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

Über die Arbeiten:

 

Hassan Sharif, Tisch und Stühle, 2012. Holz, Pappmaché, Kokosfasern und Acryl, 178 Teile, variable Maße
Hassan Sharif schuf das Werk unter Verwendung des Holzes eines Tisches und von Stühlen, die ihm Carolin Kropff kurz vor ihrer Abreise aus Dubai geschenkt hatte. Gemäß seiner charakteristischen Herangehensweise an Objekte, die er in großen Mengen auf lokalen Märkten erwarb, zerlegte Sharif den Tisch und die Stühle, um einzelne, "modulare" Komponenten zu erhalten, die er dann mit Naturfasern und buntem Pappmaché verarbeitete.

Hassan Sharif, Garten - C, 2001. Öl auf Leinwand, 70 x 50 cm

“In 2000 Sharif decided to start painting again. The medium of oil on canvas had lost its appeal for him in 1981, but now became an appropriate means of expression at the turn of the millennium.
At first it was the plants at home that caught the artist’s attention. Just a few very colourful stilllifes executed between 2000 and 2001 mark this phase. In the meantime, he continued making objects”.

"Im Jahr 2000 beschloss Sharif, wieder mit der Malerei zu beginnen. Das Medium Öl auf Leinwand hatte 1981 für ihn seinen Reiz verloren, wurde nun aber zur Jahrtausendwende zu einem geeigneten Ausdrucksmittel.Zunächst waren es die Pflanzen zu Hause, die die Aufmerksamkeit des Künstlers erregten. Nur einige wenige, sehr farbenfrohe Stillleben, die zwischen 2000 und 2001 entstanden, markieren diese Phase. In der Zwischenzeit fertigte er weiterhin Objekte an".
Paulina Kolczyinska, "Hassan Sharif. A Rare Bloom in the Desert", in Catherine David (Hrsg.), Hassan Sharif.
Werke 1973-2011, Hatje Kantz, 2011, S. 24-73, 61


Carolin Kropff, Rainbow Garden, 2020-2021. Leinwand, Faden, Acrylfarbe, ca.160 x 130 cm
Carolin Kropff wagt das Experiment, indem sie sich selbst die englische Paper-Piecing-Technik beibringt, eine streng prozessorientierte Methode, um durch das Nebeneinanderstellen modularer Elemente potenziell endlose Werke zu schaffen. Die Wandarbeit besteht aus bemalter Leinwand, die zerschnitten und wieder zusammengenäht wurde, während das für das Paper-Piecing benötigte Papier von einem Druck einer älteren Arbeit Kropffs stammt, die zu ihrer Serie Paradise Lost gehört, die sie während ihrer Jahre in Dubai begonnen hat.

Carolin Kropff, Fata Morgana, 2007. Öl auf Hartfaserplatte, 20 x 60 cm (Gesamtmaß)
"Fata Morgana ist ein Begriff aus der Physik, der eine komplexe übergeordnete Fata Morgana beschreibt, bei der sich gestauchte und gedehnte Zonen sowie aufrechte und umgekehrte Bilder abwechseln. Kropff nutzt das Desert Gate - eine Gruppe großer, inzwischen verschwundener Plakatwände für die verschiedenen Themenhotels des Bawadi-Projekts in Dubai Land - als Bühne, um die Phänomene der von Menschen gemachten Fata Morgana zu erforschen".
Larissa Kolesnikova: https://en.carolinkropff.net/desert-gates

 

Bilder von rechts nach links:

Installation view

Hassan Sharif - Table and Chairs 1, 2012

Carolin Kropff - Rainbow Garden, 2021

Installation views

Carolin Kropff - FataMorgana, 2007

Hassan Sharif - Garden C, 2001

Carolin Kropff - Anachroner, 2014

Bilder: © Alexander Schütz

Die Ausstellung wurde begleitet von dem Werkstattgespräch MACHEN - Nicloleta Danila & Carolin Kropff am nächsten Tag.

 

In der Wiederholung die Freiheit finden.  
Carolin Kropff und Hassan Sharif in der Ausstellungsreihe „“ 

Cristiana de Marchi 

 

                                    How privileged you are, to be still passionately

                                    Clinging to what you love;

                                    The forfeit of hope has not destroyed you”.

 

Das Betreten und Verlassen vertrauter Räume scheint ein wiederkehrendes Thema zu sein, das die künstlerischen Ergebnisse sowohl von Sharif als auch von Kropff vereint, Homogenität dabei vermeidend.
Nach einer formalen akademischen Ausbildung im Vereinigten Königreich (1979-1984) gibt Sharif nach seiner Rückkehr nach Dubai Sharif die Malerei auf und konzentriert sich ganz auf die Schaffung seiner inzwischen ikonischen Objekte. Erst "um die Jahrtausendwende" herum und zunehmend ab 2006, nachdem er aus seinem alten Haus-Atelier in Dubais beliebtem Viertel Satwa vertrieben wurde und das letzte Kapitel seiner Karriere begann, das mit der Gründung von dem The Flying House zusammenfiel - einem kollektiven Raum, der als Vergrößerungsglas dient, um eine kleine, aber solide kristallisierte Gruppe von Konzeptkünstlern zu fördern, die in den Vereinigten Arabischen Emiraten leben und arbeiten -, kehrt Hassan Sharif mit neuem Enthusiasmus und einem Hauch von Naivität zur Malerei zurück. 

Sharifs Garden - C aus dem Jahr 2001 wird hier mit einer der kleineren Arbeiten aus Carolin Kropffs Werkgruppe Desert Gate gepaart, die 2010 in einer Einzelausstellung in der XVA Gallery in Dubai präsentiert wurde.  
Die beiden Künstler betrachten die sie umgebende Umwelt aus radikal unterschiedlichen Perspektiven: Während in Garden - C die häusliche Sphäre im Vordergrund steht, in einem zurückgenommenen, verinnerlichten Blick, der selbst die unmittelbare urbane Landschaft ausklammert, ist Desert Gate, das als "komplexe Form einer übergeordneten Luftspiegelung" beschrieben wird, unbestreitbar von der natürlichen und konstruierten Umgebung, die die Künstlerin umgibt, sowie von ihrer früheren Bühnenerfahrung beeinflusst, in einer desillusionierten und doch selbstzufriedenen Anerkennung der theatralischen Erscheinung eines städtischen Panoramas, das ständig am Rande der Auswechslung steht.

 

Hassan Sharifs Table and Chairs gehört zu der berühmten Serie seiner Objects, die in erster Linie aus absichtslos angeordneten (in potenziell unendlichen Kombinationen) Stapeln von Massenprodukten bestehen, die der Künstler manipuliert, zerlegt und in verschiedenen handwerklichen Formen neu zusammensetzt.
Die meisten seiner Objekte zeichnen sich durch eine Abneigung gegen die Materialität und die Herkunft der verwendeten modularen Objekte aus, mit einer vorherrschenden Neigung zu preiswerten, populären Gegenständen, die in großen Mengen auf lokalen Märkten erworben werden können und für den Lebensstil der Unterschicht der Golfstaaten charakteristisch sind. Diese Materialien wurden ausgewählt, um das Ausmaß des Konsumverhaltens und des Massenkonsums in seinem Heimatland Dubai zu thematisieren, obwohl sie als Metapher für globalisierte Marktstrategien und erworbene Gewohnheiten dienen.

Mit dieser Arbeit erzählt Hassan Sharif jedoch eine andere Geschichte, denn das für die Arbeit verwendete Holz stammt von einem Tisch und Stühlen, die Sharif von Carolin Kropff kurz vor ihrer Abreise aus Dubai geschenkt wurden. Indem er die Überreste der nun nicht mehr erkennbaren Objekte zerlegt und mit seinen typischen Materialien (Naturfasern und buntes Pappmaché) verbindet, reflektiert Sharif auf bemerkenswert witzige Weise über Vertrauen und Enttäuschung, die Freiheiten der Freundschaft und das unendliche Potenzial der Schöpfung entgegen jeder gegebenen - oder angenommenen - Heiligkeit. 

 

Mit Rainbow Garden geht Carolin Kropff in ihrer Antwort auf Hassan Sharif einen ähnlichen - wenn auch gegenläufigen - Weg und vernachlässigt die von ihr in Perfektion beherrschte Bildtechnik und wagt das Experiment, indem sie sich selbst die englische Paper-Piecing-Technik beibringt, eine streng prozessorientierte Methode zur Schaffung potenziell endloser Werke durch die Aneinanderreihung modularer Elemente.
Die Wandarbeit besteht aus bemalter Leinwand, die zerschnitten und wieder zusammengenäht wird, wobei das für das Papier-Piecing benötigte Papier von einem Druck einer älteren Arbeit Kropffs stammt, die zu ihrer Serie Paradise Lost gehört, die sie während ihrer Jahre in Dubai begonnen hat. Carolin Kropff greift nicht nur Sharifs modularen Prozess auf, sondern auch einen anderen Aspekt, der ebenfalls zum Kern von Sharifs künstlerischem Ansatz gehört.

Mit einem spürbaren Gefühl der Befreiung von den Regeln und Zwängen der Malerei lässt sich Carolin Kropff auf eine "Sorglosigkeit" in Bezug auf die Technik ein und befasst sich mit der Idee der Progression als einer konstituierenden Komponente, um die kompositorischen Entscheidungen zu lenken, die ohne Vorbedacht getroffen werden. Obwohl das Ergebnis visuell nicht mit ihren gegenständlichen Gemälden vergleichbar ist, wird die Methode der Schichtung, die ihre Entstehung charakterisiert hat, beibehalten und prägt das Werk, da sie sich in eine physische Aktion und einen Prozess übersetzt, fast auf der Ebene der Handhabung, während sie sich mit einer ähnlichen Dringlichkeit des Tuns und mit einer ausgedehnten Beobachtung beschäftigt. 

 

An der Schnittstelle zwischen Improvisation und Beherrschung gewähren sich beide Künstler die Freiheit, sich der technischen Perfektion zu entziehen, um einen zeitaufwändigen und intimen Prozess zu entwickeln, in dem Entscheidungen auf bewusst spielerische Weise immer wieder neu getroffen werden.  Eine wahre Feier des Prozesses in seiner endlosen Wiederholung, ohne sich jemals zu wiederholen.

 

 

Louise Glück, “October”, in Averno, Carcanet Press, 2006

Paulina Kolczyinska, “Hassan Sharif. A Rare Bloom in the Desert”, in Catherine David (ed.), Hassan Sharif. Works 1973-2011, Hatje Kantz, 2011, p. 61

Wikipedia

 

Material und Farbigkeit

 

Zur Ausstellung von Hassan Sharif und Carolin Kropff in der Reihe „“ des Studiospace in der Lange Strasse 31

 

Angelica Horn

 

Die Einladung zur Ausstellung zeigt zwei Abbildungen: Die eine zeigt einen Stapel von Hölzern, die mit Material und Farbe versehen sind, aufeinandergeschichtet und von einer Seite frontal mit zugewandten Enden fotografiert. Drei Einzelstücke liegen vor dem Stapel, an denen die Verbundenheit von zugrundeliegender hölzerner Materialität, aufliegenden Materialien und Farbigkeit genauer beobachtet werden kann. Die andere Abbildung zeigt einen Ausschnitt einer aus sechseckigen Teilflächen zusammengesetzten Arbeit. Eine jede dieser Teilflächen ist mit einer leuchtenden Farbigkeit versehen, aufgestrichen und hingestrichen, eine Farbigkeit, die an diejenige der Arbeit auf der ersten Abbildung erinnert. Die erste Abbildung zeigt die Präsentation einer Arbeit von Hassan Sharif, die zweite Abbildung einen Ausschnitt einer Arbeit von Carolin Kropff.

 

Die Arbeit von Hassan Sharif ist in der Ausstellung auf einem Podest als einheitlicher Stapel ausgeführt. Es handelt sich um ein variables künstlerisches Objekt, das sich weniger skulptural, denn als spielerisches Gebilde zu erkennen gibt. „Tisch und Stühle“ von 2012 besteht aus den auseinandergebauten Teilen von Stühlen und einem Tisch, einem Geschenk von Carolin Kropff und ihrem Mann, zurückgelassen vor deren Abreise aus Dubai nach einem mehrjährigen Aufenthalt, weiches der Künstler nicht für seinen eigenen privaten Gebrauch bestimmte, sondern als Materialquelle einer eigenen Arbeit. Zerlegt in Einzelteile wurden diese mit Kokosfasern umwickelt, mit Pappmaché belegt und Acrylfarbe versehen. Keine besonderen Fähigkeiten sind hierfür vonnöten, sondern der Geist des Spielerischen, der zu einem sehbaren Gebilde führt, zum Sehen derjenigen Freiheit des Menschen, die im Spiel besteht und ihn über alltägliches Routinehandeln erhebt.

 

Ihn vergleichbarer und doch umgekehrter Art und Weise verfährt Carolin Kropff in ihrer Arbeit „Rainbow Garden“ von 2020-2021, in der sie sich der Paper-Piercing-Technik bedient: Ein bemaltes, einfaches Stück Nessel wurde in sechseckige Stücke geschnitten, die sodann mit einem Inlay aus Papier versehen aneinander- und aufgenäht wurden. Die Aneinanderreihung der Sechsecke ist formal durch die Geometrie bedingt und farblich durch spielerische Assoziation bestimmt: Es gibt keine Regel, mal dominiert die Fortsetzung von Strichrichtung oder Farbe, mal der Kontrast. Ein Gebilde entstand, das als ein eben solches an der Wand hängt, nicht flach, sondern in einer gewissen Abhebung. Auch hier zählt der Objektcharakter, der das Gemachte betont. Es geht um Farbigkeit auf Material. Die Arbeit hat keine definierte Begrenzung, tendenziell könnte sie fortgeführt werden, so aber ist es gerade genug. Carolin Kropff versteht diese Arbeit als Hommage an Hassan Sharif.

 

Hassan Sharif hatte mit seiner Arbeit mit eher belanglosen Materialien, oft in Anhäufung oder Verknüpfung in größerer Menge, auch eine Kritik an einer Gesellschaft oder Zivilisation gesehen, die in historischer Entwurzelung, im Verlust von Historizität sich den Massenprodukten und –waren zuwendet, aber auch an einer „Hoch-Kultur“ der elaborierten künstlerischen Sprache und Technik. Das Spielerische, das er präsentiert, ist von Leichtigkeit und Humor, was nicht übersehen lassen sollte, dass es hier gerade dadurch etwas zu sehen gibt und sich eine ganz eigene, eben spielerische Art des Sehens ergibt. Nach dem berühmten Wort Schillers spielt der Mensch „nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist“, und „ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ (Friedrich Schiller, „Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen, Fünfzehnter Brief). Friedrich Schiller verband seinen Begriff des Ästhetischen mit der Kritik an einer Gegenwart, deren Ganzes „einem kunstreichen Uhrwerke“ gleicht, „wo aus der Zusammenstückelung unendlich vieler, aber lebloser Teile ein mechanischen Leben im Ganzen sich bildet.“ „Ewig nur an ein einzelnes kleines Bruchstück des Ganzen gefesselt, bildet sich der Mensch nur als Bruchstück aus“ (Achter Brief). Das Spiel bietet das Gegenmodell an.

Carolin Kropff knüpft mit ihrer textilen Arbeit an der Doppelstruktur von Kritik an, wie sie mit dem Spiel und dem Spielerischen verbunden sein kann, wobei die Textilkunst traditionelle, oft unterschätzte Techniken aufgreift. Beiden Künstlern geht es wesentlich um das Machen selbst oder um das Selbst-Machen, denn im Machen versichert sich das Subjekt seiner selbst – eben durch das Machen.

 

Die Gegenüberstellung dieser beiden Arbeiten ist ergänzt durch die Präsentation einer malerischen Arbeit von Hassan Sharif, „Garten“ von 2001, eine gestisch freie Malerei, in der vier Topfpflanzen vor einer Tür dominieren, und einer vierteiligen malerischen Arbeit von Carolin Kropff, „Fata Morgana“ von 2009, deren Objekt Gestelle in der Wüste Dubais sind, welche der Werbung für Dubailand dienten, die „da so als theatralische, bemalte gigantische Zeichen in der Landschaft stehen, mittags, abends, nachts.“ (Zit. Carolin Kropff) Zum Malerischen tritt in der Ausstellung noch ein Pigmentdruck von Carolin Kropff, „Anachroner“ von 2014, der sich auf John Miltons „Paradise Lost“ bezieht.

 

 

Angelica Horn

© Frankfurt am Main 2022

Die Ausstellung wird freundlicherweise vom Kulturamt Frankfurt und dem Frauenreferat Frankfurt unterstützt.

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