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jourUNfixe 1

Threads - Contemporary Embroidery Art

Mit Britta Kadolsky.

 

Das Werkstattgespräch widmet sich dem Faden, der Nadel und Sticken in Kunst.

21. 11. 2021 : 13 - 15 Uhr

Sticken - Kunst - Gemeinschaftswissen

 

Den Teilnehmerinnen war das Arbeiten mit Textil vertraut, zum Teil mit dem direktem Schwerpunkt Sticken, zum Teil mit einem Hintergrund in Patchwork/Quilten und in Kleidermachen und Schnittkonstruktion.

 

Ich war schon immer fasziniert von den improvisierten und überlieferten Methoden des Machens, welchen Einfluss die Handbewegung, die Intuition und die Sensibilität für das Material auf die Dinge haben, die beim Machen entstehen, auf den Moment und auf einen selbst.

There is no novelty that is wholly novel. There’re always antecedent conditions.

Cornel West (MasterClass)

Sankofa -  ein Wort in den Akan (Twi) und Fante Sprachen Ghanas, das wörtlich "zurückgehen und holen"bedeutet; das Zurückgehen zum Besten, um vorwärtszukommen. Die afrikanische Philosophie spricht eine entscheidende Rolle denen zu, die vor uns kamen.

Cornel fragt in seiner Maserclass nach dem Rückgriff : Warum ist das wichtig? Weil man, wenn man zu philosophieren beginnt, mit einem Geist der Demut beginnt, denn es gibt keinen Philosophen der Selfmade ist. … Man kann sich in Richtung Autonomie bewegen, in Richtung Unabhängigkeit, aber alle Konzepte der Unabhängigkeit setzen bereits ihre Abhängigkeit voraus.

In der Renaissance wurde das Embellishment von Stoff , das Ausschmücken, das was wir heute Textile Surface Design nennen - und im Gegensatz von Malen auf Stoff - klar von den sogenannten Künsten getrennt. Frauen durften fortan keine Ausbildung zur Künstlerin machen. Das hat sich erst im 20. Jahrhundert geändert. (Ich frage mich, ob die der Textilarbeit anhaftende Abwertung damit zu tun hat, dass vornehmlich Frauen ihre Geschichte geschrieben haben (was sich allerdings in der Industrialisierung änderte, wo Maschinen begannen, das ‚Herstellen‘ von Textil zu dominieren)).

Eintauchend in die unendlichen Gestaltungsmöglichkeiten und die unendlichen Kombinationsmöglichkeiten der Methoden der Handarbeit, kann ich keine wesentlichen Unterschiede zur Kunst entdecken, außer vielleicht die, dass das Textil auch tatsächlich benutzt werden kann.

 

Am Sonntag haben wir  uns jedenfalls gern auf die Methoden des Stickens als Handwerk eingelassen. Wenn du die Nadel mit Faden in den Stoff steckst, den Faden rausziehst, den Faden mehrmals um die Nadel wickelst, den Faden wieder einfädelst und vorsichtig durch den Turm von Fäden manövrierst, dann bekommst du ein anderes Fadenmuster, als wenn die Nadel von oben nach unten und dann wieder  - mit einigem Abstand  - an der Oberfläche auftauchen lässt und dann die Spitze mit dem Faden mehrmals umwickelst. Dann hast du als Resultat, was man den Rococo Stich nennt.  

 

Wo verläuft die Grenze von Handwerk, Kunsthandwerk und Kunst? Ist es überhaupt sinnvoll solche Unterscheidungen zu machen? Wo ist Kunst aussagekräftig, wo ‚reine‘ Dekoration, wo privat, wo allgemein? Wo neu und relevant und wo nicht? Welche Rolle spielen lokale und internationale Einflüsse, Bevormundung und Unterdrückung? Welche Rolle spielen Traditionen, Folk Art, Meisterschaft und Improvisation?

 

Ich habe, und ich erwähne es schon in meinem Text über MACHEN 3, am vergangen Wochenende Cornel Wests MasterClass angeschaut. Er ist amerikanische Philosoph und Aktivist. In seiner MasterClass geht es um Philosophie als Praxis, als ein Leitfaden, als Mittel der Selbstbefragung und Selbstbelehrung. Er spricht von dem persönlichen Fingerabdruck, den wir hinterlassen, wenn wir uns auf die Welt, in der wir leben einlassen und dem Einlassen einen Ausdruck geben. Wenn wir herausfinden wollen, was uns einzigartig macht und doch verbunden mit dem großen Ganzen.

Wenn wir Kunst dort ansiedeln, wo auch die Philosophie ihr zu Hause hat, wo es um die Liebe zur Weisheit geht, um das, was in der Philosophie Wahrheit genannt wird und ihr Äquivalent in der Kunst, die Schönheit, dann ist Kunstmachen eine Weise, Fragen zu stellen und Antworten zu suchen, als Mensch unter Menschen, auf dieser Erde. Es geht darum bestimmte Annahmen, die man hat, in Frage zu stellen und um ehrliche und aufschlussreiche Antworten zu finden.

Beim Kunstmachen - irdische Dinge in die Hand nehmend - und im Gespräch können wir Antworten finden.

courtesy Dagmar Carolus
 

Sankofa und der Rococo Stich

Carolin Kropff

 

 

Am Sonntag, den 21. November, nachmittags fand jourUNfixe 1 Threads - Contemporary Embroidery Art, vor Ort und via ZOOM, statt. Es ging um Sticken und Kunst.

Britta erlaubte einen Einstieg und Überblick und stellte zeitgenössische Beispiele vor, die in Museen und der Dokumenta 14 ausgestellt wurden:

Lee Mingwei mit seinem THE MENDING PROJECT, 2009-2018:

Die Geste des Flickens hat für mich verschiedene Bedeutungsebenen. Die offensichtlichste ist, dass ein Kleidungsstück kaputt ist und repariert werden muss. Sie könnte aber auch in einem ganz anderen Gespräch darüberstehen, wie die Welt heute ist. Es gibt so viele Dinge, die heute in der Welt kaputt sind, in der Politik, im Klima, in den Beziehungen zwischen Menschen und zwischen Ländern. Können wir etwas dagegen tun? Ich weiß, ich bin nur ein Künstler, und alles, was ich im Moment tun kann, ist etwas, das mir am Herzen liegt. Lassen Sie mich also mit unserer zweiten Haut beginnen: der Kleidung, die wir tragen.

 

Britta Marakatt-Labba, Historja, 2003-2007, Embroidery, print, appliqué, wool on linen, eine meterlange Präsentation von figurativen Stickereien über die Geschichte der Sami im Norden Europas.

 

Die Ausstellung:  Active Threads - KAI 10 | ARTHENA FOUNDATION, 2021
Die Ausstellung in Düsseldorf untersuchte das Potential der Textilarbeiten - auf  ihre soziale, politische und gestalterische Aussagekraft.

Die Ausstellung streift dabei geopolitische Konflikte, latente und offenkundige postkoloniale Wunden sowie Beispiele von zivilem Protest, aber auch Motive der Fankultur.

Dabei zeigt sich, in welch vielfältiger Weise Textilien zu Katalysatoren sozialer und kultureller Prozesse werden können. Die Ausstellung dokumentiert, in welcher Form stoffliche Gewebe und textile Techniken politische Botschaften enthalten können, Dekor sich in radikale Symbolik verwandelt oder Stoffe Erinnerungen speichern und unsere materielle Umwelt bewahren. - schreibt Britta in ihrer Präsentation.

Als Beispiele nennt sie Kyungah Ham, What you see is the unseen / Chandeliers for Five Cities BK 03-05, 2016–17.

Sie spricht über die Tischdecke, die Doris Dörrie, die die Regisseurin während des Lockdowns gestickt hat.

Mehr Information findest du auf ihrer Webseite:

https://brittakadolsky.com/stickkunst-im-kai10-in-duesseldorf-bunt-feministisch-aktivistisch-active-threads/

jourUNfixe 1 wurde von der Hessischen Kulturstiftung - Brückenstipendium unterstützt.

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